= Brügge =
[c] Ur- und Frühgeschichte [c]
Bereits im 2. und 3. Jahrhundert befand sich auf dem Gebiet von Brügge eine gallo-römische Siedlung. Ihre Bewohner waren nicht nur Landwirte, sondern auch Händler, die Kontakte mit England und mit dem Rest von Gallien unterhielten. In der Mitte des 9. Jahrhunderts baute Balduin I. eine Festung am noch heute Burg genannten Platz zum Schutz der Küste vor Angriffen der Wikinger. Brügge erhielt 1128 das Stadtrecht.
[c] Europäische Handelsmetropole (13.–15. Jh.) [c]
Über einen Seearm der Nordsee, den 1134 in Folge einer Sturmflut entstandenen Zwin, und das kanalisierte Flüsschen Reie war die Stadt im Mittelalter direkt mit dem Meer verbunden und konnte so am Fernhandel partizipieren. Um 1200 fand in Brügge die erste Handelsmesse statt. Gehandelt wurden Wolle aus England für die Tuchproduktion, Gewürze und Brokat aus Italien, Pelze und Hölzer aus Russland, Lammfelle aus Spanien, Wein aus Frankreich und Gobelins aus Flandern – die Region um Brügge wurde zu einem Zentrum der Textilherstellung und Textilveredlung. Im verzweigten Handelsnetz von Flandern war Antwerpen der zweitwichtigste Fernhandelsplatz nach Brügge, während Gent und Ypern regionale Marktorte waren. Für den sechs Wochen dauernden Pfingstmarkt verließen alle Ausländer Brügge um in Antwerpen Handel zu treiben.
Auch Kaufleute aus den rheinischen Städten und aus den Hansestädten Lübeck und Hamburg kamen nach Brügge. Die Hanse errichtete an der Nordsee neben dem Stahlhof in London und der Bryggen in Bergen auch ein Hansekontor in Brügge und war so mit den Märkten außerhalb ihres eigentlichen Wirtschaftsraumes verbunden. 1253 gewährte die Gräfin von Flandern Margarete II. den Hansekaufleuten diverse Handelsprivilegien. Mehr als 500 überlieferte Briefe und zehn Handelsbücher des damals in Brügge lebenden Lübecker Hansekaufmanns Hildebrand Veckinchusen geben Aufschluss über Geschäftspraxis und Lebenswelt der Kaufleute im Spätmittelalter. Vom Versammlungshaus des Brügger Hansekontors am Osterlingenplein, dem Haus der Osterlinge, ist nur noch der als Hotel genutzte rechte Teil vorhanden. Als Osterlinge – „die aus dem Osten kamen“ – wurden die deutschen Kaufleute bezeichnet.
In der Sporenschlacht (11. Juli 1302) nahe Kortrijk verteidigte eine zum Großteil aus Bürgermilizen bestehenden Armee erfolgreich die Unabhängigkeit der Flamen gegen den Machtanspruch Frankreichs, nachdem am 18. Mai 1302 die Brügger Frühmette vorausgegangen war. Die Schlacht war ebenso wie die Revancheschlacht bei Mons-en-Pévèle (18. August 1304) ein Vorkonflikt des Hundertjährigen Krieges (1337–1457) zwischen England und Frankreich, dessen wirtschaftlicher Hintergrund aus flämischer Sicht der Kampf um Flandern als Zentrum der europäischen Tuchindustrie war.
In der ersten Phase des Hundertjährigen Krieges setzte der englische König Eduard III. die flandrischen Städte – darunter Brügge als wichtigsten Fernhandelsplatz – durch einen Exportstopp englischer Schafwolle unter Druck und erzwang so deren Kooperationsbereitschaft. Den Boykott hatte Ludwig I. von Flandern durch die Unterstützung des Anspruchs Philipps VI. auf den französischen Thron heraufbeschworen. Mit der Seeschlacht von Sluis (24. Juni 1340) kam es zur ersten großen direkten Konfrontation zwischen den Kriegsparteien. Durch den Sieg der englischen Flotte wurde die französische Dominanz im Ärmelkanal endgültig gebrochen und die Nordostgrenze Frankreichs stark gefährdet. Wegen seiner strategisch wichtigen Lage wurde Brügges Vorhafenstadt Sluis 1382 zur Festungsstadt ausgebaut und dort ab 1385 im Auftrag des Burgunderherzogs Philipp II. eine Burg errichtet.
Für englische Kaufleute sind in Brügge erstmals 1359 Handelsprivilegien nachweisbar. Der 1407 in England mit Sitz in London gegründeten Handelskompanie Company of Merchant Adventurers – einer der bedeutendsten englischen Tuchhandelskompanien des ausgehenden Mittelalters – wurde von der englischen Krone das Monopol auf den Export unbehandelter Tuche in die Niederlande zugestanden. In Brügge errichtete die Company of Merchant Adventurers ihre erste Niederlassung. 1446 wurden ihr bessere Bedingungen von Herzog Philipp III. angeboten und sie verlegte ihre niederländische Hauptniederlassung nach Antwerpen.
Am früheren Oude Beursplein (dt. Alter Börsenplatz) befanden sich die Handelsniederlassungen der italienischen Seestädte Genua, Florenz und Venedig sowie das 1246 erbaute Haus der Kaufmannsfamilie Van der Beurze, der ersten Börse der Welt. In- und ausländische Kaufleute trafen dort regelmäßig zusammen und tätigten Handels- und Wechselgeschäfte. Vom Familiennamen der Kaufleute wurde das niederländische Wort beurs als Bezeichnung für derartige Handelsplätze abgeleitet und entsprechend in andere europäischen Sprachen übernommen.
1369 wurde Brügge Teil des Herzogtums Burgund und Residenzstadt der Burgundischen Herzöge. Kaufleute aus ganz Europa kamen in die Stadt um dort Handel zu treiben. Um den Jan van Eyckplatz entstand ein Stadtviertel mit Handelsniederlassungen. Viele der Handelsschiffe legten hier an, während die spanischen Kaufleute ihren Hafen am Spaanse Loskaai hatten.
[c] Hof und Herrschaft der Herzöge von Burgund (14.–15. Jh.) [c]
Unter der Herrschaft der Herzöge von Burgund entwickelte sich Brügge wirtschaftlich und kulturell zu einer der reichsten Städte Europas. Das dem Meister der André-Madonna zugeschriebene Gemälde Jungfrau und Kind unter Engeln  und das im Motiv gleiche Gemälde Jungfrau und Kind mit vier Engeln von Gerard David zeigen als Hintergrund eine Stadtansicht aus dieser Zeit.
Im dicht besiedelten und urbanisierten Flandern mit seiner durch Textilherstellung und Handel bestimmten Wirtschaft wurde die Politik von den Städten dominiert, in anderen Territorien Burgunds vom Adel. Am Hof und im Süden Burgunds sprach man französisch, im Norden aber nach wie vor niederländisch. Die Burgunder Herzöge und ihr Hof reisten in ihrem Herrschaftsgebiet umher und waren an keinen festen Ort gebunden. Während Ihrer Aufenthalte in Brügge residierten sie und ihr Hofstaat im Prinzenhof. Zählte der Hof 1426 noch 230 Personen, so stieg deren Anzahl bis 1474 auf etwa 600 Personen an, die zahlreichen Leibbogener nicht eingerechnet. Der Hofstaat, der für seine Dienste Pensionen und Gagen erhielt, repräsentierte den jeweiligen Herzog; Feste, Ritterturniere, Einzüge in Städte und Totenkult demonstrierten dessen Rang, Macht, Reichtum und Verdienste.
„Die ganze Hofhaltung war luxuriös, der Hausschatz und die Bibliothek voller Kostbarkeiten, und das Hofzeremoniell ganz auf eine gottähnliche Überhöhung des Herrschers ausgerichtet. Im Selbstverständnis der adlig-ritterlichen Welt Burgunds und seines Hofes waren als standesgemäße Vergnügungen über Tags Jagdausflüge und Turniere ebenso fest verankert wie die wohlinzenierten und von großartigen Musikern begleiteten abendlichen Tanz- und Maskenfeste.“
– Manfred Hollegger: Maximilian I.
[c] Kampf um das Burgundische Erbe (14.–15. Jh.) [c]
Nach dem Tod Karls des Kühnen in der Schlacht von Nancy (1477) zerfiel das Herzogtum Burgund in kurzer Zeit im Kampf um das Burgundische Erbe zwischen Maximilian von Habsburg und Frankreich.
Noch 1477 heiratete die Erbtochter Karls des Kühnen Maria von Burgund den Sohn des römisch-deutschen Kaisers Friedrich III. Maximilian, mit dem sie bereits seit 1475 verlobt war. Die ihr vom französischen König Ludwig XI. angebotene Ehe mit dessen Sohn, dem erst siebenjährigen Dauphin Karl, lehnte Maria ab.
Maximilian wurde durch diese Heirat iure uxoris Herzog von Burgund und damit auch Herrscher über Flandern, das so Teil des habsburgischen Hausbesitzes wurde. Im Burgundischen Erbfolgekrieg (1477–1493) war es das erklärte Ziel Maximilians das gesamte nach dem Tod Karls des Kühnen zu großen Teilen von Frankreich besetzte Herzogtum Burgund zurückzuerobern und seine Herrschaft in den burgundischen Niederlanden zu sichern.
Nach einem Reitunfall bei einer Falkenjagd in der Nähe von Brügge starb Maria am 27. März 1482 an den Folgen ihrer Verletzungen. Fünfzehntausend Menschen sollen ihr während der aufwendig inszenierten Beisetzung in der Liebfrauenkirche von Brügge die letzte Ehre erwiesen haben. Bevor sie starb, erklärte Maria ihren erst vierjährigen Sohn Philipp, der in Brügge geboren worden war, zum Herzog und damit auch zum Erben des Herzogtums Burgund. Über Philipp und dessen zweijährige Schwester Margarete übten die Stände – zu denen in politischer Hinsicht nicht der Landesherr aber die wirtschaftlich und damit auch politisch mächtigen Städte Flanderns gehörten – de facto die Vormundschaft aus. Zwar wurden die Kinder Marias und Maximilians von den Ständen als Erben anerkannt, nicht aber die testamentarisch von Maria verfügte Vormundschaft ihres Vaters Maximilian und dessen Regentschaft über die burgundischen Niederlande.
Nach dem Frieden von Arras (1482) wollte Maximilian deshalb vor allen die Vormundschaft über seinen Sohn Philipp sicherstellen, um so seine vormundschaftliche Regierung über dessen burgundisches Erbe – zunächst in den burgundischen Niederlanden – formalrechtlich zu legitimieren. Die nördlichen Provinzen befürworteten die Regentschaft Maximilians, während der Süden der Niederlande nur den von den aufständischen Provinzen Geldern, Flandern und Brabant gebildeten Regentschaftsrat akzeptierte und die Herausgabe seines in Gent festgehaltenen Sohnes verweigerte. Mit Unterstützung Frankreichs widersetzten sich insbesondere die reichen flandrischen Städte Ypern, Gent und Brügge der Herrschaft des Habsburgers. Die mächtige Stadt Gent fiel von ihm ab und auch die Zünfte von Brügge rebellierten.
Die Aufstände in den niederländischen Provinzen und Städten konnte Maximilian schließlich niedergeschlagen und die Erbfolgestreitigkeiten mit der französischen Krone nach Abschluss des Vertrages von Senlis (1493) endgültig beenden.
[c] Maximilians Gefangenschaft in Brügge (1488) [c]
Die Stadt Brügge schreckte nicht davor zurück Maximilian – ab 1486 auch römisch-deutscher König – von Januar bis Mai 1488 im Haus Craenburg am Grote Markt zu inhaftieren, als dieser neue Steuern einführen wollte. Sein Vater musste erst eine Armee zusammenstellen, um die Freilassung seines Sohnes zu erzwingen. Der Berater Maximilians Pierre Lanchals, auch Lankhals genannt, und des Verrats verdächtige Mitglieder der Stadtverwaltung wurden vor Maximilians Augen auf dem Grote Markt gefoltert und schließlich enthauptet. Eine Legende behauptet, Maximilian hätte Brügge nach seiner Freilassung – um diesen Affront zu sühnen und für immer an diese Schmach zu erinnern – dazu verurteilt, auf ewig Schwäne – „Langhälse“ – auf dem Minnewater zu halten; die Schwäne sind dort auch heute noch zahlreich vertreten.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCgge#Geschichte, 2016-02-20]