= London =
[c] Gründungslegenden und Vorgeschichte [c]
Laut der Historia Regum Britanniae, der mittelalterlichen Mythologie von Geoffrey von Monmouth, wurde London durch den Trojaner Brutus gegründet, nachdem er die Riesen Gog und Magog besiegt hatte. Angeblich hieß die Stadt zuerst Troia Nova, woraus später Trinovantum wurde (die Trinovanten waren ein keltischer Stamm, der in der Gegend siedelte). Monmouth erzählte von zahlreichen sagenhaften Königen und schmückte sein Werk mit frei erfundenen Geschichten über das prähistorische London. So soll König Lud die Stadt in CaerLudein umbenannt haben, woraus sich später London ableitete. Angeblich wurde Lud unter dem Ludgate begraben, dem westlichen Stadttor Londons.
Trotz umfangreicher Ausgrabungen haben Archäologen bis heute keinerlei Spuren einer prähistorischen britannischen Siedlung entdeckt. Es gibt zwar einige verstreute Funde von landwirtschaftlichen Geräten und Gräbern sowie Spuren einer Besiedlung, die jedoch nicht von größerer Bedeutung sind. Heute gilt es als unwahrscheinlich, dass in vorrömischer Zeit eine Stadt existierte. Ausgrabungen der Abteilung für urbane Archäologie des Museum of London seit den 1970er Jahren konnten die Existenz einer bedeutenden Siedlung vor dem Jahr 50 n. Chr. nicht nachweisen. Der Fund weiterer Siedlungsspuren ist jedoch nicht ausgeschlossen, da selbst die römische Stadt nur zu einem Teil erforscht worden ist.
Aufschlussreiche Funde wie der Battersea-Schild in der Themse bei Chelsea deuten darauf hin, dass die Umgebung der späteren Stadt eine gewisse Bedeutung hatte. Es wurden Überreste von Dörfern bei Egham und Brentford und die Ruinen einer Hillforts in Uppall entdeckt, jedoch keine Stadt auf dem Gebiet der heutigen City of London. Mehrere Holzpfähle, die 1999 in der Themse gegenüber dem Gebäude des Secret Intelligence Service gefunden wurden, deuten auf die Existenz einer Brücke oder eines Bootsstegs vor rund 3500 Jahren hin.
[c] Römer [c]
Die Römer eroberten im Jahr 43 n. Chr., während der Regierungszeit von Kaiser Claudius, das heutige England. Archäologen gehen heute davon aus, dass Londinium ein paar Jahre nach der Invasion als zivile Siedlung entstanden ist. Entlang der einstigen, in Ost-West-Richtung verlaufenden römischen Hauptstraße wurde beim Neubau des Hauses No 1 Poultry eine hölzerne Abwasserleitung entdeckt. Die dendrochronologische Untersuchung ergab, dass sie aus dem Jahr 47 n. Chr. stammt; dies gilt als wahrscheinlichstes Gründungsjahr der Stadt.
Man nimmt an, dass der Ortsname vorrömischen Ursprungs ist, auch wenn über die genaue Bedeutung Unklarheit herrscht. Der Linguist Richard Coates geht davon aus, dass der Ortsname vom vorkeltischen (ureuropäischen) Wort Plowonida abgeleitet wurde, was ungefähr „Siedlung am breiten Fluss“ bedeutet. Eine andere Theorie lautet, dass der Ortsname keltischen Ursprungs ist und sich auf einen früher existierenden Bauernhof bezieht. Die Silbe Lond bedeutet „wild“ im Sinne von „überwachsen“ oder „bewaldet“. Inschriften und Wandzeichnungen lassen darauf schließen, dass Latein die Amtssprache war. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Einheimischen einen britannischen Dialekt sprachen. Die Stadt war etwa eine Meile lang und knapp eine halbe Meile breit.
Im Jahr 60 oder 61 wurde Londinium durch den von Königin Boudicca angeführten Stamm der Icener überfallen. Eine bei Ausgrabungen entdeckte Schicht roter Asche lässt darauf schließen, dass die Stadt in Brand gesteckt und zerstört wurde. Nach der blutigen Niederschlagung des Boudicca-Aufstands wurde Londinium in kurzer Zeit wieder aufgebaut und wuchs in den folgenden Jahrzehnten beständig an. Londinium ersetzte Camulodunum (Colchester) als Hauptstadt der Provinz Britannien und um das Jahr 120 wurde mit rund 60.000 Einwohnern der Bevölkerungshöchststand erreicht. Seine Blütezeit hatte Londinium um die Mitte des 2. Jahrhunderts. In der Stadt standen die größte Basilika nördlich der Alpen, ein Regierungspalast, Thermen sowie eine große Festung für die städtische Garnison. Es gab auch mehrere Tempel; die 1954 entdeckten Überreste eines Mithras-Tempels in der Straße Walbrook gelten als bedeutendster archäologischer Fund der Römerzeit. Vom London Stone aus sollen die Entfernungen zu anderen römischen Städten gemessen worden sein.
Londinium blieb nicht lange Hauptstadt von ganz Britannien. Diese römische Provinz wurde im Jahr 197 in die Provinzen Britannia superior (Oberbritannien) und Britannia inferior (Niederbritannien) mit der Hauptstadt Eboracum (York) geteilt. Etwa um diese Zeit entstand der London Wall, eine Befestigungsanlage an der nördlichen, flussabgewandten Seite. Die Mauer definierte während Jahrhunderten die Ausdehnung der Stadt, einzelne Überreste sind erhalten geblieben.
Bedingt durch politische Instabilität und andauernde Wirtschaftskrisen begann im 3. Jahrhundert ein schleichender Niedergang. Um das Jahr 300 änderte sich die Provinzeinteilung Britanniens erneut; Londinium war nun die Hauptstadt der Provinz Maxima Caesariensis. Ende des 4. Jahrhunderts war London eine noch relativ wohlhabende Stadt mit einer gesunkenen Bevölkerungszahl und einer zusätzlichen Mauer auf der flusszugewandten Seite. Die Römer erklärten im Jahr 410 offiziell das Ende der Besetzung und zogen ihre Legionen zurück. Die Bewohner Britanniens waren nun sich selbst überlassen. Bis Mitte des 5. Jahrhunderts konnte eine kleine Anzahl wohlhabender Familien den römischen Lebensstil noch aufrechterhalten.
Nach dem Ende des Römischen Reiches war die keltoromanische Bevölkerung Britanniens den Raubzügen germanischer Stämme zunehmend schutzlos ausgeliefert. Laut Beda Venerabilis handelte es sich dabei um die Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen. Es gibt kaum Hinweise darauf, was in dieser Zeit geschah. Londinium war möglicherweise Sitz einer nachrömischen Verwaltung. Die Angelsächsische Chronik berichtet, die Britannier seien nach Londinium geflohen, nachdem sie in der Schlacht von Creganford (möglicherweise Crayford, ca. 457 n. Chr.) von den Jüten besiegt wurden. Ende des 5. Jahrhunderts war die Stadt eine unbewohnte Ansammlung von Ruinen.
[c] Angelsachsen [c]
Während mehrerer Jahrzehnte blieb die strategisch günstige Position an der Themse von den Angelsachsen ungenutzt. Die unmittelbare Umgebung der zerstörten Stadt Londinium wurde vorerst nicht besiedelt. Im Hinterland beidseits des Flusses entstanden jedoch einzelne kleine Dörfer. Mitte des 6. Jahrhunderts wurde die Gegend in das Königreich Essex integriert, das später auch ganz Middlesex und möglicherweise Surrey umfasste. 604 konvertierte König Sæberht zum Christentum und im selben Jahr ließ sich Mellitus, der erste historisch nachweisbare Bischof, in London nieder. Er legte den Grundstein der späteren St Paul’s Cathedral; diese soll der Legende nach über den Ruinen des Diana-Tempels entstanden sein (auch wenn Christopher Wren beim Neubau keinen Hinweis darauf fand).
Im späteren 7. Jahrhundert wurde das angelsächsische Dorf Lundenwic („Siedlung London“) gegründet, rund eine Meile westlich von Londinium, das die Angelsachsen Lundenburgh („Festung London“) nannten. Das Dorf lag unweit des heutigen Bahnhofs Charing Cross. Die Mündung des River Fleet diente wahrscheinlich als Hafen für Handelsschiffe und Fischerboote. Ausgrabungen in jüngster Zeit haben ergeben, dass beim Covent Garden bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts ein weiteres Dorf existierte. Lundenwic kam um 730 unter die Kontrolle des Königreichs Mercia, das sich auf Kosten des Königreichs Essex ausgedehnt hatte. Im Jahr 825 übernahm das Königreich Wessex die Herrschaft.
Angriffe der Wikinger wurden ab etwa 830 immer häufiger. Dokumentiert sind Raubzüge in den Jahren 842 und 851. Im Jahr 865 folgte die Invasion von East Anglia und 871 hatten die Wikinger London erreicht; es ist jedoch nicht bekannt, was damals genau geschah. 878 konnte jedoch Wessex unter König Alfred dem Großen die von Guthrum angeführten Wikinger besiegen und zum Friedensschluss zwingen. Während der zehn darauf folgenden Jahre wurde das Gebiet innerhalb der römischen Stadtmauer wieder besiedelt. Die neu entstandene Stadt hieß Lundenburgh, Stadtmauer und Verteidigungsgraben wurden wieder instandgestellt. Als der Besiedlungsschwerpunkt sich wieder an den ursprünglichen Standort verlagerte, erhielt das ältere Dorf Lundenwic den Namen Ealdwic („alte Siedlung“); daraus entwickelte sich mit der Zeit die Bezeichnung Aldwych.
Alfred der Große ernannte 886 seinen Schwiegersohn, Herzog Æthelred von Mercia, zum Gouverneur. Um die Brücke zu kontrollieren, die damals neu errichtet wurde, ließ er am Südufer die befestigte Siedlung Suthringa Gewarc („Verteidigungsbauwerk der Männer von Surrey“) errichten, das heutige Southwark. Im selben Jahr erhielt die am Nordufer gelegene spätere City of London das Recht zur Selbstverwaltung. Nach Æthelreds Tod im Jahr 911 gelangte London unter direkte Herrschaft der englischen Könige. Im frühen 10. Jahrhundert hatte sich London zu einem bedeutenden Handelszentrum entwickelt. Auch wenn Winchester damals die Hauptstadt des Königreichs England war, so nahm die politische Bedeutung Londons stetig zu. Æthelstan hielt zahlreiche Versammlungen des Witenagemot in London ab, erließ hier Gesetze und gewährte der Stadt das Recht, eigene Münzen zu prägen. König Æthelred bevorzugte London als Hauptwohnsitz.
Während Æthelreds Herrschaft begannen die von Sven Gabelbart angeführten Wikinger wieder Raubzüge durchzuführen. Im Jahr 994 widerstand London erfolgreich einem Angriff, doch es folgten zahlreiche Raubzüge in der Umgebung der Stadt. 1013 wurde London belagert und Æthelred floh in die Normandie. Drei Jahre später gelang es Svens Sohn, Knut dem Großen, die Stadt zu erobern. 1042 übernahmen die Angelsachsen wieder die Herrschaft, als Knuts Stiefsohn, Eduard der Bekenner, den Thron bestieg. Nach dessen Tod war die Thronfolge ungeklärt. Sein Cousin, Herzog Wilhelm der Normandie, erhob Anspruch auf die englische Königswürde. Der Witenagemot ernannte jedoch Eduards Schwager Harold Godwinson zum König, der daraufhin in der Westminster Abbey gekrönt wurde. Als Reaktion darauf entsandte Wilhelm seine Armee, um England zu erobern.
[c] Mittelalter [c]
Die normannische Eroberung Englands im Jahr 1066 bedeutete das endgültige Ende der angelsächsischen Herrschaft. Harold Godwinsons Armee, durch die Schlacht von Stamford Bridge gegen die Wikinger erheblich geschwächt, unterlag in der Schlacht bei Hastings; der König starb auf dem Schlachtfeld. Wilhelm ließ Southwark niederbrennen, verschonte aber die Stadt. Stattdessen sammelte er seine Truppen im nordwestlich gelegenen Berkhamsted und wartete, bis die Räte der Stadt ihn als König anerkannten. Am Weihnachtstag 1066 wurde er in der Westminster Abbey gekrönt.
Der neue König (nun „der Eroberer“ genannt) ließ an der Themse drei Festungen errichten (Tower of London, Baynard’s Castle und Montfitchet Castle), um die Stadt vor weiteren Angriffen der Wikinger zu schützen und um mögliche Aufstände der Einheimischen zu verhindern. 1067 verlieh er der Stadt ein formelles Stadtrecht und bestätigte die während der Herrschaft der Angelsachsen erworbenen Privilegien. Sein Sohn Wilhelm Rufus ordnete 1097 den Bau der „Westminster Hall“ an. Diese Halle im flussaufwärts gelegenen Westminster wurde zur Hauptresidenz des Königs und ist der älteste Teil des Palace of Westminster.
1189 ernannte König Richard Löwenherz den ersten Lord Mayor (Bürgermeister) der Stadt. 1176 hatte der Neubau der London Bridge begonnen, der sich bis 1209 hinzog. Diese Brücke hatte während mehr als 600 Jahren Bestand und war bis 1750 die einzige über die Themse im heutigen Stadtzentrum. Die nächste flussaufwärts gelegene Brücke war erst diejenige in Kingston upon Thames. Ein von William FitzOsbern angeführter Bauernaufstand wurde 1196 rasch niedergeschlagen. 1212 oder 1213 brach auf der London Bridge ein verheerender Brand aus, dabei soll es mehr als 3000 Tote gegeben haben (diese von zeitgenössischen Chronisten angegebene Zahl gilt heute als stark übertrieben). In den Jahren 1199 und 1215 erteilte König Johann Ohneland der Stadt London das Privileg, den Bürgermeister selbst zu wählen.
Im Mai 1216 war London während des Ersten Kriegs der Barone zum letzten Mal überhaupt von Truppen aus Kontinentaleuropa besetzt. Der französische König Ludwig VIII. hatte sich in diesem Konflikt auf die Seite der englischen Adligen gestellt, die gegen Johann Ohneland rebellierten. Er nahm London ein und ließ sich in der St Paul’s Cathedral zum neuen Herrscher Englands ausrufen. Doch nach Johanns Tod im Oktober 1216 verlor Ludwig die Unterstützung des englischen Adels und musste knapp ein Jahr später im Frieden von Lambeth seinen Herrschaftsanspruch auf England aufgeben.
Handel und Gewerbe erlebten während des Mittelalters einen Aufschwung und als Folge davon stieg auch die Einwohnerzahl rasch an. Um 1100 lebten rund 15.000 Menschen in der Stadt, zweihundert Jahre später waren es bereits 80.000. Der Handel stand unter dem Einfluss mehrerer Gilden, die faktisch die Stadt kontrollierten und seit 1215 auch den Lord Mayor aus ihren Reihen wählten. Das mittelalterliche London bestand aus engen, gewundenen Gassen und die meisten Häuser waren aus leicht brennbarem Material wie Holz und Stroh erbaut. Die hygienischen Verhältnisse waren schlecht: Der „Schwarze Tod“, der London im November 1348 erreichte, forderte rund 30.000 Todesopfer. Bis 1666 folgten fünfzehn weitere Pestepidemien.
Während der Peasants’ Revolt im Jahr 1381 besetzten aufständische Truppen unter Wat Tyler für kurze Zeit die Stadt. Eine Gruppe von Bauern stürmte den Tower of London und exekutierte den Lordkanzler, Erzbischof Simon Sudbury sowie den Schatzkanzler. Währenddessen wurde die Stadt geplündert und zahlreiche Gebäude in Brand gesteckt, darunter der berühmte Savoy Palace. Außerhalb der Stadt kam es zu Verhandlungen mit König Richard II. Tyler äußerte abfällige Bemerkungen, woraufhin Lord Mayor William Walworth sein Schwert zog und ihn schwer verletzte. Ein Knappe des Königs tötete den Rebellenführer und die Aufständischen zogen sich zurück.
Im Sommer 1450 war London erneut Ziel eines Bauernaufstands, diesmal angeführt von Jack Cade. Rund 20.000 Rebellen aus Kent versammelten sich südöstlich der Stadt und zogen am 3. Juli über die Brücke. Der Schatzkanzler und weitere Vertraute von König Heinrich VI. wurden gefangengenommen und geköpft. Die Aufständischen plünderten die Stadt und zogen sich vor Einbruch der Dunkelheit wieder über den Fluss zurück. Als sie am darauf folgenden Tag wieder in die Stadt eindringen wollten, wurden sie auf der Brücke von den städtischen Milizen aufgehalten und nach mehrstündiger Schlacht vertrieben.
Richard Plantagenet, der 3. Herzog von York, ließ 1455 Truppen in Richtung London marschieren, wurde aber bei St Albans gestoppt; dies war der Beginn der Rosenkriege zwischen dem Haus Lancaster und dem Haus York. Sein Verbündeter Richard Neville nahm London im Juli 1460 kampflos ein und der Herzog von York erhob erstmals öffentlich den Anspruch auf die Königswürde. Doch bereits Ende Dezember 1460 fiel er in der Schlacht von Wakefield. Stattdessen bestieg sein Sohn Eduard IV. den Thron.
Mit der Schlacht von Bosworth Field und der Thronbesteigung Heinrichs VII. endeten 1485 die Rosenkriege. Der neue Herrscher dehnte die Macht der Krone aus und führte die königliche Tradition fort, bei der City of London Kredite für Kriege gegen Frankreich aufzunehmen. Er bezahlte seine Schulden fristgerecht zurück, was für die damalige Zeit äußerst ungewöhnlich war. Im Allgemeinen kümmerte er sich aber wenig um den Ausbau der städtischen Infrastruktur. Die vergleichsweise stabile Herrschaft des Hauses Tudor führte jedoch zu einer Belebung des Handels und zu einem verstärkten Wachstum der Stadt.
Der Hochstapler Perkin Warbeck gab 1497 vor, der jüngere Bruder von Eduard V. zu sein. Mit ihm verbündete aufständische Truppen, hauptsächlich aus Cornwall, versammelten sich bei Lewisham mit der Absicht, den König zu stürzen. Die Stadtbewohner gerieten zuerst in Panik, doch dann konnte die Verteidigung organisiert werden. Die Rebellen flüchteten nach der verlorenen Schlacht von Deptford Bridge.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Londons, 2016-02-09]