= Novgorod =
[c] Vor- und Frühgeschichte [c]
Die Umgebung von Nowgorod ist von vielen Wäldern, Seen, Sumpf- und Marschland geprägt, die das Gebiet nahezu undurchdringlich und die Flüsse zu den wichtigsten Verkehrswegen machten. Entlang der Ufer der Flüsse und Seen lagen die einzigen für eine Besiedlung geeigneten Flächen.
Bei Nowgorod gab es eine jungsteinzeitliche Siedlung seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. Die ersten Siedler im Gebiet um und nördlich des Ilmensees waren Angehörige finno-ugrischer Sprachgruppen als Jäger und Fischer. Die Neuankömmlinge führten den Ackerbau ein. Seit dem 8. oder frühen 9. Jahrhundert siedelten dort auch slawische Ilmenseeslowenen.
[c] Nowgoroder Rus [c]
Skandinavische Waräger fuhren auf den Handelswegen ins Byzantinische Reich seit dem 8. Jahrhundert auch durch dieses Gebiet. Mitte des 9. Jahrhunderts entstand auf der östlichen Uferseite des Wolchow am Ausgang des Ilmensees, zwei Kilometer südlich des heutigen Nowgorod eine solche Siedlung, das jetzige Rurikowo Gorodischtsche. Diese Siedlung entwickelte sich zunächst zum zentralen Handelsplatz der Region
Für 862 wurde die Siedlung in altrussischen Chroniken erstmals erwähnt. Der Warägerfürst Rurik errichtete hier das Zentrum seiner Herrschaft.
[c] Nowgorod in der Kiewer Rus [c]
Um 911 verlegte Fürst Oleg den Mittelpunkt seiner Herrschaft nach Kiew. Nowgorod war nun die zweitwichtigste Stadt der Rus.
Die Stadt übte eine hohe Anziehungskraft auf die russischen Fürstenhäuser aus. In den 970er- und 980er-Jahren erkämpften sich die Söhne des Fürsten von Kiew, Swjatoslaw I. Igorewitsch, Wladimir I. und Jaropolk I., das Recht, den Fürsten von Nowgorod zu stellen. Um 969 wurde Wladimir I. der erste separate Fürst von Nowgorod.
988/989 wurde Nowgorod Sitz der zweiten Eparchie (Bistum) der Rus. Erster Bischof war Joachim Korsunianin.
Ungefähr zu dieser Zeit entstand in einiger Entfernung eine Kaufleutesiedlung, das heutige Nowgorod (Neustadt).
Die ersten Kirchen waren eine Holzkathedrale für die Heilige Sophia und eine für die Heiligen Joachim und Anna, deren Widmung mit dem Namen des ersten Bischofs von Nowgorod, Joachim Korsunianin, verbunden ist.
Jaroslaws Herrschaft dauerte bis 1015, als er nach dem Tode seines Vaters die Kontrolle über Kiew anstrebte. Da ihn die Nowgoroder bei diesem erfolgreichen Unternehmen unterstützten, gab er ihnen umfangreiche Rechte, welche die Basis für die künftige Bojarenordnung in Nowgorod bildeten.
Die Privilegien, welche die Bojaren von Jaroslaw erhalten hatten, führten zu einer strukturellen Teilung der Stadt. Die Gehöfte der Bojaren unterstanden nicht der Gerichtsbarkeit des Prinzen und bildeten die Grundlage für das System der „Enden“ genannten Stadtviertel. Zwischen diesen „Enden“ siedelten dagegen freie Künstler und Händler, die der Jurisdiktion des Prinzen unterstanden. Diese Bereiche wurden in Hundertschaften (sotni) unterteilt und von sogenannten „Tausendschaftsführern“ (tysjazkie) und „Hundertschaftsführern“ (sotskie) verwaltet.
Im Jahre 1030, bei einem Besuch in der Stadt, ordnete Jaroslaw an, dass 300 Kinder der Älteren und der Priester gezielt im Lesen unterwiesen werden sollten. Aufgrund archäologischer Befunde lassen sich aber bereits für die vorhergehende Zeit Bildungsbestrebungen nachweisen. In diese Periode fällt auch die Überführung des fürstlichen Hofes von Gorodischtsche nach Nowgorod, wo auf der Handelsseite gegenüber vom Kreml ein Hof eingerichtet wurde, der den Namen „Jaroslaws Hof“ trägt.
Die soziale Struktur bestand aus drei Schichten: Reiche Kaufleute und Bankiers (gleichzeitig Grundbesitzer) standen an der Spitze; gewöhnliche Kaufleute waren Vertreter der mittleren Schicht; Handwerker und Tagelöhner gehörten der unteren Bevölkerungsschicht an.
Neben dem Handel blühte auch die Kultur. So wirkten berühmte Ikonenmaler wie Theophanes der Grieche und Andrei Rubljow in der Stadt. 1056/1057 wurde die Abschrift des Ostromir-Evangeliums für den Nowgoroder Statthalter Ostromir angefertigt. Der Inhalt der Handschrift ist ein kirchenslawisches Aprakos-Evangelium, das von einer südslawischen Vorlage kopiert wurde.
Nowgorod war im Hochmittelalter neben Konstantinopel die einzige Stadt in Europa, in der nicht nur der Adel und der Klerus, sondern auch das einfache Volk lesen und schreiben konnte. Das bezeugen heute unter anderem die über 1000 bei archäologischen Ausgrabungen gefundenen, auf Birkenrinde in einem Altnowgoroder Dialekt geschriebenen Briefe (sogenannte Birkenrindenurkunden). Diese berichten vom Alltag in der mittelalterlichen Stadt. Am 26. Juli 1951 wurden bei Grabungen von Nina Akulowa in der Welikaja Straße die ersten Birkenrindenfragmente entdeckt. Mittlerweile sind mehr als tausend Birkenrindenfragmente bekannt.
Die Bindung der norwegischen Herrscher an die Stadt lässt sich auch daran erkennen, dass sie Nowgorod mehrfach als Zufluchtsort nutzten. So floh vor 1000 Olav I. Tryggvason dorthin, von 1027 bis 1030 Olav II. Haraldsson. Dessen Sohn Magnus I. wurde bis 1035 in Nowgorod erzogen und nach der Ermordung seines Vaters von norwegischen Adligen zurückgeholt. Auch Harald III. suchte in Nowgorod Zuflucht, wenn Gefahr drohte. Olav I. Tryggvason und Magnus I. verbrachten hier ihre Kindheit und Jugend und hatten zeitlebens eine enge Verbindung zu der Stadt.
[c] Republik Nowgorod von 1136 bis 1478 [c]
Im Jahre 1136 endete ein allgemeiner Aufstand gegen den Fürsten mit einem Sieg der Bojaren. In der Folge war der Fürst nur noch ein Beamter der Bojarenrepublik. Seine Funktion als Richter konnte er nur noch wahrnehmen, wenn sein Urteil vom Possadnik, dem Oberhaupt des Bojarenrates, bestätigt wurde, der zunehmend die Außenpolitik leitete und Recht sprach, das Heer führte und die Ämter besetzte und damit die Rolle des Fürsten einnahm. Als direkte Folge des Aufstandes wurde Fürst Wsewolod II. ausgewiesen und Swjatoslaw Olegowitsch aus Tschernigow eingesetzt. Das zweite wichtige Amt führte der Tysjackiy, der Tausendschaftsführer, der das Volksaufgebot führte und für Steuern, Abgaben und für den Markt verantwortlich war. Das 1035 entstandene Bistum stieg 1165 zum Erzbistum auf.
Von den Verwüstungen der Mongolenüberfälle verschont, war Nowgorod zeitweise, vor allem unter Alexander Newski, das Zentrum der Russischen Fürstentümer und der Sitz des Großfürsten. Angefangen mit Alexander Newski wurden die Nowgoroder Fürsten aus den Reihen der Fürsten von Wladimir-Susdal gewählt. Die Stadt wurde zu einem der größten Stadtstaaten und entwickelte ein Territorium von rund 30.000 km² Ausdehnung, weitere etwa 1,5 Millionen km² bis zum Ural standen in einem tributären Verhältnis. Im 14. Jahrhundert begann man den älteren Namensteil weliki als groß zu deuten, um Groß-Nowgorod von anderen Städten abzusetzen. Das Stadtgebiet umfasste im 14. Jahrhundert rund 400 ha, allein die Stadtburg (detinec) 11 ha. Die Einwohnerzahl stieg von etwa 50–60.000 im 13. Jahrhundert auf bis zu 80.000 im 15. Jahrhundert. Damit überbot ihre Einwohnerzahl die Größenordnung der bedeutendsten deutschen Städte wie Köln, Nürnberg oder Lübeck.
Die auf dieser Entwicklung basierende Machtausdehnung ermöglichte es der Stadt, im Jahre 1240 die Expansion der Schweden und 1242 die des Deutschen Ordens militärisch abzuwehren. Insgesamt zog Nowgorod 26 Mal gegen Schweden und 11 Mal gegen den livländischen Schwertbrüderorden in den Krieg. Die Abwehr in den Jahren 1240 und 1242 gelang, obwohl Nowgorods deutsche Gegner, unter Ausnutzung der mongolischen Invasion in Russland, zusammen mit Dänen und Schweden ihre militärischen Operationen auf das Gebiet Nowgorods verlagerten. Ihre Feldzüge scheiterten jedoch in der Schlacht an der Newa und in der Schlacht auf dem Peipussee. Am 12. August 1323 wurde der Vertrag von Nöteborg zwischen Schweden und Nowgorod unterzeichnet, der zum ersten Mal den Grenzverlauf zwischen dem russischen und dem schwedischen Teil Finnlands regulierte.
Im Spätmittelalter war Nowgorod eine von der adligen Kaufmannsschicht beherrschte Stadt, die sich überwiegend aus den großen Landbesitzern rekrutierte und in hohem Maße vom Eintreiben der Tribute profitierte. Zu ihnen gesellte sich eine Schicht von hauptberuflichen Fernhändlern, die vor allem im Westhandel tätig waren. Ein Gegengewicht bildete ein Wetsche – eine auf altslawische Traditionen zurückgehende Volksversammlung –, in dem auch nichtadlige Bevölkerungsgruppen rede- und stimmberechtigt waren. Die oligarchische Stadtrepublik, die seit dem 12. Jahrhundert den Fürsten, ab 1156 den Erzbischof und die Possadniks, eine Art Bürgermeister der Stadt, wählte, hatte dabei gute Kontakte zur Hanse, die dort im Peterhof eines ihrer vier Kontore unterhielt.
Nowgorod hatte sich im 14. Jahrhundert endgültig zum Haupthandelsvermittler mit dem Westen aufgeschwungen. Da der Transithandel der russischen Länder und auch der Tataren, die mit Gewürzen und Pelzen handelten, mit Westeuropa über das litauische Hoheitsgebiet durch hohe Zölle und häufige Übergriffe beeinträchtigt wurde, blieb diese Stellung in der Folgezeit unangefochten.
[c] Handel mit Gotländern und Hanse [c]
Bereits im 10. Jahrhundert sind Kontakte ausländischer Händler mit Nowgorod belegt. So trägt der in der Färingersaga erwähnte Ravnur Hólmgarðsfari aus dem norwegischen Tønsberg die nordische Bezeichnung für Nowgorod bereits im Namen, der also Nowgorodfahrer bedeutet.
Nach der Gründung Lübecks begannen die hansischen Kaufleute in der Mitte des 12. Jahrhunderts über die Ostsee nach Gotland zu fahren. Über die dortigen Kaufleute wurden die ersten Kontakte nach Nowgorod vermittelt. Die Kaufleute aus Gotland unterhielten auf der Handelsseite den sogenannten Gotenhof, an dessen Nutzung sich die hansischen Kaufleute zunächst beteiligten. Daneben gab es noch einen Gildehof der Gotländer. Im Jahre 1192 errichtete die Hanse einen eigenen Hof, den sogenannten Peterhof. Der Name des Kontors geht auf die in ihm errichtete St.-Peter-Kirche zurück. Der Hof enthielt neben Wohnhäusern auch Wirtschaftseinrichtungen wie Bäckerei, Brauhaus, Krankenstube, Bad und Gefängnis. Die hansischen Kaufleute hatten auf dem Hof eigene Rechtshoheit, mussten aber auch selbst für rechtliche Ordnungsmaßnahmen sorgen. Die Kaufleute hatten nach der Nowgoroder Schra jedoch nicht das Recht, sich dauerhaft in Nowgorod aufzuhalten. Nach den Jahreszeiten unterschied man Winter- und Sommerfahrer. Die Händler transportierten überwiegend Rohprodukte nach Westeuropa, insbesondere Pelze, Wachs, Honig und Holz. Im Gegenzug brachten sie vor allem Fertigprodukte nach Nowgorod wie Wein, Bier, Tuch, Waffen und Glas, aber auch Salz, Hering, Metall (Silber), Gewürze, Südfrüchte, Pferde und Bernstein. Als 1230 in Wolchow eine große Hungersnot ausbrach, transportierten sie überwiegend Getreide. Mit dem Niedergang des gotländischen Olafshofes im 14. Jahrhundert, der in der Folge von der Hanse gepachtet wurde, gewann die Hanse eine Monopolstellung im Handel mit Nowgorod. Auch der Schiffstyp der Kogge trug zur Stärkung dieses Monopols bei. Zwischen 1396 und 1462 lässt sich der Import von Glasprodukten wie Fingerringe und Fensterglas archäologisch belegen. Im 15. Jahrhundert ging der Handel langsam zurück, da der Warenumtausch immer stärker auf die livländischen Städte verlegt wurde. Der Peterhof in Nowgorod wurde nach der Eroberung der Stadt durch den Moskauer Großfürsten Iwan III. 1478 nicht geschlossen. Im Gegenteil, die Vorrechte der Hanse wurden 1487 erneut bestätigt. Im Zuge seiner Streitigkeiten mit Maximilian von Habsburg ließ Iwan III. den Hof aber am 6. November 1494 schließen. Die Beschlagnahmung brachte dem Großfürsten 96.000 Mark ein. 1514 wurden der Gotenhof und der Peterhof wieder eröffnet und noch bis 1560 scheinen die Höfe genutzt worden zu sein.
[c] Münzwesen und Fernhandel [c]
Die Stadt Nowgorod war, aufgrund ihrer starken Handelsbeziehungen zu ausländischen Kaufleuten, Ausgangspunkt der Entwicklung des Münzwesens in Russland. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde es üblich, Silberbarren als Währungseinheit zu verwenden. Das Gewicht dieser Stangenbarren betrug 205 Gramm, entsprechend der alten russischen Gewichtseinheit Griwna. Bei kleineren Handelsgeschäften wurden von den größeren Barren kleinere Silberstücke, sogenannte Rubel, abgetrennt. Im 13./14. Jahrhundert wurden in Nordwestrussland erstmals Münzen geprägt, anfangs in Nowgorod und Pskow, später auch in Moskau, Nischni Nowgorod und Susdal.
Als sich Anfang des 15. Jahrhunderts der Geldumlauf verstärkte und alle Großfürsten Geld zu prägen begannen, ging Nowgorod ab 1420 dazu über, eigene Münzen zu prägen. Nowgorod hatte zuvor für eine kurze Zeit die livländische Währung übernommen.
Vom 10. bis zum 13. Jahrhundert gelangten aus dem byzantinischen Reich vor allem Amphoren, Glaserzeugnisse, schieferne Spinnwirtel und Walnüsse in die Stadt. Aus dem Dnepr-Gebiet wurden zudem Bernsteine, die dort in geologischen Schichten anstehen, importiert. Um 1100 erfuhr der Import eine kurze Unterbrechung, die mit einem Konflikt zwischen den Städten Kiew und Wolchow begründet werden kann. Mit der Zerstörung Kiews im Jahre 1240 durch die Mongolen verlor der Dnjepr-Weg überwiegend seine Bedeutung, wogegen über den Wolga-Weg der Import von Buchsbaumholz für die Kammherstellung fortgesetzt wurde. Insbesondere im 14. Jahrhundert gelangte über diesen Weg glasierte Keramik aus dem Tatarenchanat der Goldenen Horde nach Nowgorod.
[https://de.wikipedia.org/wiki/Weliki_Nowgorod#Geschichte, 2016-02-10]